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„Die meisten von Ihnen wissen doch noch aus der Jugend, wie leicht man nach fünf Weizenbier und einem Joint in ambivalente Situationen rutschen kann und dass man im Rückblick froh sein muss, damals nicht an den falschen Staatsanwalt geraten zu sein!“
(RiBGH Prof. Dr. Thomas Fischer, Die Zeit, Dossier v. 6.10.11, S. 17)

Was für den einen heftige Emotion bedeutet, kann der andere bereits als Gewalt empfinden. Strafrecht und Sex liegen eng beieinander.

Das Strafrecht ist einer der sensibelsten Gradmesser unsrer rechtsstaatlichen Kultur. Wenn es auf sexuell bezogene Sachverhalte und damit auf schwierigste und intimste zwischenmenschliche Beziehungen trifft, sind massive Probleme programmiert. Ob das Erlebnis erotisch ist oder eine Vergewaltigung ist, hängt von der subjektiven Wahrnehmung, persönlichen Erfahrungen, Emotionen, ja sogar Triebhaftigkeiten ab. Verständigungen hierüber sind schon im zwischenmenschlichen Bereich schwierig, eine im Strafprozess notwendige Rekonstruktion im Sexualstrafrecht grenzt bei den unterschiedlichen Sichtweisen oft an Unmögliches. Die ohnehin diffizile Feststellung von Schuld und Unschuld im Strafrecht erhält im Sexualstrafrecht häufig noch eine unfassbare Steigerung.

Sind die Sachverhalte strittig, gibt es darüber hinaus kaum objektive Beweismittel. Existiert nur die Wahrnehmung von zwei Personen, muss sich das Strafgericht der Herausforderung der Bewertung der Glaubhaftigkeiten von Aussagen stellen. Eine kompetente Strafverteidigung ist hier gefordert, die auch in der Aussagepsychologie versiert ist. Die Darstellung der eigenen Sichtweise des Mandanten erfordert hier ebenso viel Sensibilität wie die Kenntnis um die spezielle Rechtsprechung zur Glaubhaftigkeit von Aussagen und zur Glaubwürdigkeit von Zeugen. Wird dem Mandanten gar ein von ihm bestrittener Kindesmissbrauch vorgeworfen, erfährt die Bewertung der Aussage von kindlichen Zeugen zusätzliche Schwierigkeiten. Die Befragungen solcher Zeugen gehört zu den schwierigen Gratwanderungen zwischen Verständnis und Aufdeckung von Lüge. Die erfolgreiche Auseinandersetzung mit aussagepsychologischen Gutachtern stellt häufig die entscheidende Weichenstellung für ein günstiges Ergebnis dar.

Ist nicht der Sachverhalt streitig, sondern liegt das Schwergewicht der Verteidigung auf dem Bemühen, Verständnis für ein Sexualverhalten zu erwecken, ist Fingerspitzengefühl gefragt. Ein rechtzeitig eingeleiteter Täter-Opfer-Ausgleich kann hier häufig die Freiheit des Mandanten retten.

Will die Verteidigung bei Sexualdelikten ein Handeln mit Krankheitswert belegen, ist häufig die Einbeziehung von Psychiatern notwendig. Nur über deren Erkenntnisse ist möglicherweise die Einsicht in eine verminderte Schuldfähigkeit und damit ein tolerables Strafmaß denkbar.

Die Anwältinnen und Anwälte des strafverteidiger|büros verfügen über einen großen Erfahrungsfundus im Bereich des Sexualstrafrechts. Sie nehmen für sich in Anspruch, mit ihrer rechtlichen und psychologischen Kompetenz ebenso wie mit der notwendigen Sensibilität die besonderen intimen Probleme ihrer Mandanten in diesem Bereich aufzuarbeiten und erfolgreich kanalisieren zu können.

Literatur

Püschel, Täter-Opfer-Ausgleich - Gestaltungsmöglichkeiten des Verteidigers, StraFo 2006, 261 ff.