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Das Kapitalmarktstrafrecht hat Konjunktur. Der Gesetzgeber greift auf nationaler wie auf europäischer Ebene auch zur Bewältigung der Banken- und Finanzkrise ständig zum Strafrecht, um sanktionierend in wirtschaftliche Vorgänge einzugreifen. Mit den permanenten Änderungen der kapitalmarktstrafrechtlichen Normen einher geht die Verunsicherung der betroffenen Mitarbeiter bei Banken, Unternehmen und Finanzberatern. Dies ist verfassungsrechtlich inakzeptabel, scheint aber vom Gesetzgeber gewollt: Niemand soll sich in Sicherheit wiegen. Und die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Kapitalanlagebetruges, des Insiderhandels, der Marktmanipulation oder des Verstoßes gegen das Kreditwesengesetz steigt dynamisch. Die Staatsanwaltschaften stehen freilich in zweiter Reihe, sie werden von den Aufsichtsbehörden „zur Jagd getragen“.

Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts von Kapitalmarktstraftaten sind häufig die Folge eines bereits abgeschlossenen und mitunter weichenstellenden Untersuchungsabschnittes. Sowohl die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), als auch die Börsenaufsichtsbehörden und die Handelsüberwachungsstellen an den Börsen haben umfangreiche Auskunftsrechte. Solche Auskunftsersuchen sind sofort vollziehbare Verwaltungsakte, bei denen Widerspruch oder Klage keine aufschiebende Wirkung haben. Die Antwort kann strafrechtliche Brisanz für Mitarbeiter oder bußgeld- und sanktionsrechtliche Auswirkung für das Unternehmen entwickeln. In einem späteren Strafverfahren wird die Auskunft als Beweismittel verwandt. Im Idealfall wird unser strafrechtlicher Sachverstand präventiv hinzugezogen. In der Praxis werden wir aber nicht selten erst nach Einleitung des Ermittlungsverfahrens mandatiert. Hier – wie auf sonst – gilt: Je früher der Verteidiger hinzugezogen wird, umso größer sind die Aussichten, das Strafverfahren mit dem gewünschten Ergebnis abzuschließen.