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Jedes Jahr sind hunderttausende Bürger Betroffene eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft. Die Rolle des Beschuldigten ist oft ein schwer erträglicher Einschnitt in die Lebensführung. Auch wenn er nicht mit Vernehmungsersuchen oder mit Zwangsmaßnahme wie Durchsuchungen und Haftbefehlen konfrontiert wird, fühlt er sich in der Rolle eines unbeteiligten Zuschauers der Staatsgewalt ausgeliefert. Zwar ist er der maßgeblich Betroffene des Ermittlungsverfahrens, der Verlauf des Verfahrens ist für ihn zumeist jedoch ein Mysterium. Er weiß nicht, was die Staatsanwaltschaft macht. Er weiß nicht, wie lange das Verfahren dauert. Über allem schwebt die bedrückende Unwägbarkeit des Ausgangs des Strafverfahrens.

Der Gesetzgeber des 19. Jahrhunderts hatte durch die Strukturierung des Ermittlungsverfahrens diese Folgen bewusst in Kauf genommen. Insbesondere die weitgehende Heimlichkeit des Ermittlungsverfahrens war von der Idee getragen, dass das Verfahren lediglich vorbereitenden Charakter hat. Die Ermittlungsbehörden haben die Aufgabe zu untersuchen, ob ein ausreichendes Beweismaterial für eine denkbare strafrechtliche Hauptverhandlung vorliegt. Soweit nicht in Grundrechte des Beschuldigten eingegriffen wird – hier bedarf es jeweils der ausdrücklichen Überprüfung des Ermittlungsrichters –, sah die formale Sicht des Staates keine Belastung des Bürgers.

Der Betroffene erfährt dies unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts anders: Die Existenz des Ermittlungsverfahrens ist eine schwer erträgliche Belastung. Sie ist häufig dem beruflichen Umfeld bekannt. Werden Arbeitskollegen, Nachbarn oder Familienangehörige zu dem Vorwurf vernommen, ist der Weg zu einer ihn belastenden Publizität nicht weit. Die Unschuldsvermutung mag als formales Element respektiert werden, die Tatsache des untersuchten Vorwurfs quält dennoch. Jeder, der bei einer Neubewerbung wahrheitsgemäß angeben muss, dass aktuell ein Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft, sieht sich in seinem beruflichen Fortkommen unmittelbar behindert. Erfährt er, dass nach allgemeiner Erfahrung in dem heimlich geführten Ermittlungsverfahren die entscheidenden Weichenstellungen auch für endgültige strafrechtliche Resultate erfolgen, entpuppt sich das gesetzgeberische Konzept endgültig als Illusion.

Aus rechtlichen und psychologischen Gründen ist die Begleitung des Betroffenen durch einen erfahrenen Strafverteidiger unverzichtbar.

Die Aufgabe des Strafverteidigers unter den modernen Bedingungen ist eine andere, als sie noch vor Jahrzehnten formuliert wurde. Der Umgang mit den prozessualen Besonderheiten und der Schutz vor den zum Teil existentiellen Folgen der schlichten Ermittlungen ist eine der wichtigsten Aufgaben der modernen Strafverteidigung. Wer Strafverteidigung nur als Reaktion auffasst, erhält im Ermittlungsverfahren unter Umständen keine Ansätze zu einer Reaktion. Liegt eine Anklageschrift auf dem Tisch, ist das Ermittlungsverfahren bereits zum Nachteil des Mandanten beendet worden; unter Umständen sind unwiederbringliche Verteidigungschancen vertan worden. Abwarten und Passivität als Verteidigungsprinzip sind daher oft fehl am Platze.

Die Anwälte des strafverteidiger|büros pflegen die Philosophie der offensiven Verteidigung schon im Ermittlungsverfahren. Trotz gesetzlicher Beschränkungen streben sie schon im Ermittlungsverfahren nach Teilhabe und Einflussnahme. Aktives Handeln, stetiger Kontakt mit der Staatsanwaltschaft und frühzeitiges Einbringen der Mandanteninteressen in das Verfahren sichert schon in dieser Phase Informationen und ein optimales Ergebnis. Strafverteidigung kann hier vor allem eins bewirken: Der Betroffene fühlt sich nicht nur als Opfer, sondern kann als aktiver Teil eines ihm ansonsten unheimlich erscheinenden Ermittlungsverfahren mitgestalten.