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Recht und Gerechtigkeit sind auch im Rechtsstaat kein Automatismus. Eine gerechte Entscheidung entsteht nur aus der Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen. Die Arena für diesen „Kampf ums Recht“ ist der Gerichtssaal. Nirgendwo ist das Ergebnis dieses Kampfes so bedeutungsvoll wie im Strafverfahren.

In der Hauptverhandlung entscheidet sich, ob das Gericht der Darstellung der Anklage durch die Staatsanwaltschaft folgt oder ob die Version des Angeklagten die Grundlage des Urteils ist. Hier hat Verteidigung ihre eigentliche und ursprüngliche Überzeugungsarbeit zu leisten. Im Gerichtssaal muss die Verteidigung darum kämpfen, dass die Person des Mandanten wahrgenommen und auch wirklich gehört wird. Hier muss die Verteidigung in jeder Phase bemüht sein, den bestrittenen staatsanwaltschaftlichen Vorstellungen entgegenzutreten, auf belastende Äußerungen zu erwidern und zu zwiespältigen Beweisergebnissen sofort Stellung zu nehmen.

Der formale Gang der strafrechtlichen Hauptverhandlung gibt der Verteidigung viele Möglichkeiten der Einflussnahme. Neben der Ausübung des rechtlichen Gehörs in jeglicher Phase des Verfahrens können Anträge unterschiedlichsten Charakters gestellt werden. Mit Verzögerungsrügen kann gegen ein bummelndes Gericht vorgegangen werden, der Ablehnungsantrag richtet sich gegen einen möglicherweise voreingenommenen Richter. Mit Beweisanträgen kann die Verteidigung neue Zeugen oder Sachverständige in den Gerichtssaal zitieren. Die Ausübung des Fragerechts gegenüber Zeugen ist häufig die entscheidende Weichenstellung für die Formung eines Beweisergebnisses.

Was im Lehrbuch als komplexes formales Gebilde daherkommt, ist für die Verteidigung in der Praxis ein Kunstwerk. Die Beherrschung der Gesetzesmaterie ist selbstverständlich, die präzise Kenntnis der Akte unabdingbar. Darüber hinaus muss der Strafverteidiger in der Hauptverhandlung sowohl Gefühl für Atmosphärisches entwickeln als auch blitzschnell denken und handeln können. Nirgendwo in der anwaltlichen Tätigkeit ist Kompetenz und Spontaneität derart gepaart wie bei der Strafverteidigung in der Hauptverhandlung. Eine nicht gestellte Frage an einen Zeugen kann eine ebenso unwiederbringliche Verteidigungschance sein wie der um Sekunden verspätete Befangenheitsantrag. Psychologisches Einfühlungsvermögen ist hier ebenso vonnöten wie die schnelle Kommunikation mit dem eigenen Mandanten.

Die Strafverteidiger des strafverteidiger|büros gehören nicht zu den Anwälten, die diese Herausforderung scheuen. Im Gegenteil: Kaum ein Arbeitsfeld wird ernster genommen als die mündliche Hauptverhandlung. Mit allem Respekt und Können stellen wir uns als Strafverteidiger einer Situation, in der der Mandant wie sonst kaum in seinem Leben des kompetenten Fürsprechers und Helfers bedarf.

Literatur

  • Sommer, Effektive Strafverteidigung, 2. Auflage, 2013
  • Petri, Aussetzung der Hauptverhandlung, NJW-Spezial 2015, 504